, David Schwerin

David Schwerin: ungewöhnlicher Weg zu den Olympischen Spielen in Tokyo

Wie für die Athleten war das vergangene Jahr 2020 auch für uns Technische Offizielle ein schwieriges, um in Form zu bleiben. In Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in Tokyo hatte ich meine Einsatzplanung gesammelt auf die erste Jahreshälfte gelegt und wollte mit einer Europatour zu den Austrian und German Open starten

Diese konnte ich auch wie geplant antreten - wobei "wie geplant" vielleicht nicht unbedingt eine akkurate Beschreibung ist. Die Chinesischen Neujahrsfeiertage hatte ich mit Familie in Japan verbracht und war dann aufgrund des kompletten Lockdowns in China nicht mehr in meine Wahlheimat zurück gekehrt sondern nach einer Woche Verlängerung der Ferien in Tokyo dann direkt nach Europa geflogen.   Somit konnte ich die Austrian Open zum ersten Mal nach vielen Jahren in der Tat wieder einmal mitmachen. Der zweite Abschnitt meiner Europareise wurde dann allerdings aufgrund des steigenden Risikos in Deutschland von den Veranstaltern in Mühlheim abgesagt. Mit dem zunehmenden Anstieg von Covid-Fällen in Zentraleuropa war es damit nur mehr eine Frage der Zeit, bis die Pandemie Europa im Griff haben würde und als Konsequenz hatte ich schlussendlich kurzerhand unsere Flüge zurück nach Shanghai auf die erste Märzwoche vorverlegt - China wird diese Krise deutlich besser im Griff haben und wer weiß wie lange die Grenzen noch offen sind, war meine Annahme zu dem Zeitpunkt gewesen. Der Rest ist Geschichte. Leider sollte ich Recht behalten.   Mit der Verschiebung der Spiele in Tokyo stand ich allerdings vor der selben Herausforderung wie im letzten Jahr. Es ging darum möglichst geballte Praxis auf die erste Jahreshälfte zu verlagern. Bereits zu Weihnachten stand jedoch fest, dass alle meine BWF-Einsätze wie Lingshui oder Korea abgesagt waren. Ein Einsatz in einer Bubble wie Bangkok oder die geplanten Turniere in Malaysia wären zeitlich und beruflich nicht umsetzbar gewesen. Entsprechend wandte ich mich im Dezember schließlich an den Chinesischen Badminton Verband, um Einsatzmöglichkeiten bei größeren nationalen Events abzuklären. Um mich bei der Olympiavorbereitung zu unterstützen würde man mich unter Umständen gerne einsetzen, ließ man mich wissen. Man würde sich melden, wenn mögliche Events anstehen.   Dazu muss man wissen, dass - trotzdem wir uns in China seit Mai 2020 fast uneingeschränkt bewegen können (ein Verdienst der hervorragend organisierten Maßnahmen, hermetisch abgeriegelter Grenzen und schmerzhafter zentraler, 14-tägiger Quarantäne bei der Einreise) - die Sportwelt nachwievor fast still steht. Nur eine Handvoll Sportveranstaltungen konnte mit großer Sorgfalt unter hohen Sicherheitsvorkehrungen durchgeführt werden.   Im Badminton hatte bis auf die nationalen Meisterschaften im November kein großes Turnier mehr statt gefunden. Auch die Nationalmannschaft hatte ihren Trainingsstützpunkt Mitte letztes Jahr von Peking nach Lingshui auf die Insel Hainan verlegt, wo man monatelang einkaserniert war. Von Entsendungen ins Ausland hatte man seit dem Ausbruch der Pandemie komplett abgesehen. Die Meldungen für Bangkok und Malaysia hatte der Verband wieder zurückgezogen. Das heißt Spieler und Technische Offizielle waren hier alle im selben Boot. 

Einladung und Anreise
Mitte März erreichte mich dann aus heiterem Himmel die Nachricht von Verbandsseite, dass ich bei Interesse gerne zu den chinesischen Meisterschaften in der zweiten Aprilhälfte kommen könnte. Diese würden in Zhengzhou, der Hauptstadt der Henan Provinz, in einer Bubble ausgetragen und umfassten sowohl einen Teambewerb, als auch ein Individualevent. Das Turnier wäre gleichzeitig Qualifikation für die im September stattfindenden 14. National Games, ein Multi-Sport-Event mit Olympia-Charakter, das alle vier Jahre über die Bühne geht. Fast drei Wochen in einer Blase wäre für mich allerdings unmöglich gewesen.   Schließlich wurde mir die Genehmigung gegeben nur zum Individualevent in der letzten Aprilwoche zu fahren. Voraussetzung war neben einigem Papierkram die Abgabe eines Gesundheitsreports über die 14 Tage vor Ankunft in Zhengzhou (u.a. täglich Temperatur messen), der übliche grüne Health-QR-Code (als Nachweis, die Wochen davor nur "low-risk areas" bereist zu haben) und ein negativer Covidtest 5 Tage vor Ankunft (mag vielleicht unglaublich klingen, aber 15 Monate in die Pandemie war das mein erster Covidtest überhaupt) sowie ein weiterer direkt nach Ankunft. Ach ja, und hatte ich davor noch etwas Zweifel in welcher Sprache zu schiedsen sei, kam ein paar Tage nach meiner Nominierung Post vom Deputy Referee mit der neuesten chinesischen Übersetzung des Vokabulars der Schiedsrichter-Announcements und dem Hinweis, mich bitte entsprechend vorzubereiten.    Die Anreise erfolgte für mich per Bahn. Zhengzhou ist etwa 950km von Shanghai entfernt und mit dem Schnellzug bequem in etwas mehr als vier Stunden erreichbar. (Nein, ich habe mich nicht verschrieben, das sind in der Tat nur vier Stunden für die Entfernung Zürich-Budapest, hier geht alles ein bisschen flotter voran). Nach meiner Ankunft am Freitagmittag wurde ich direkt am Bahnhof abgeholt und erst in ein lokales Krankenhaus zum Covidtest gebracht bevor man mich zum Check-in ins Hotel fuhr. Dort musste ich bis zum Erhalt des Negativtests am Abend im Zimmer in Quarantäne bleiben.   Ich war absichtlich einen Tag früher angereist, um die Möglichkeit zu haben mich am Finaltag des Teambewerbs mit der Halle, dem Scoringsystem und den Prozessen vertraut zu machen, bevor es für mich am Sonntag mit dem Start des Individualevents ans Eingemachte gehen sollte.    

Unterbringung und Nebenprogramm
Die Unterbringung während des Turniers war im Songshan Hotel, einem größeren Hotelkomplex mit mehreren Gebäuden und Facilities, das normalerweise eher für Parteikader und Politiker reserviert war. Da für das "Bubble-Event" über 900 Betten für Spieler, Trainer und Offizielle benötigt wurden, war die Anlage mit mehreren Kantinen/Restaurants und Sportmöglichkeiten im Freien (Airbadminton und Volleyball) für den Anlass optimal. Denn während des gesamten Turnierverlaufs war es nicht gestattet die Hotelanlage und die Turnierarena zu verlassen. Zwischen Hotel und Sportstätte lief ein Shuttleservice.   Für Schiedsrichter, Medienvertreter und Verbandsfunktionäre gab es ein eigenes Restaurant, in dem drei Mal am Tag Buffet serviert wurde. Die Qualität des Essens war vorzüglich und die "Außenwelt" ging mir persönlich in einer Woche nicht wirklich ab. Die lokalen Kollegen, Organisatoren und Referees waren zum Teil allerdings schon seit Anfang des Monats in der Bubble und da sehnte sich der ein oder andere dann doch schon wieder nach etwas Abwechslung.    An einem der freien Nachmittage wurde im großen Ballsaal ein zweistündiges Rahmenprogramm mit Tombola für die Technischen Offiziellen abgehalten. Die insgesamt fast 90 Schiedsichter (dies beinhaltete auch die Linienrichter, welche ebenfalls allesamt Schiedsrichter auf zumindest nationalem Level waren) waren über den gesamten Turnierverlauf in 9 Einheiten unterteilt gewesen und jede Gruppe "durfte" eine Showeinlage machen. Meist handelte es sich um einen Gruppentanz oder ein gemeinsam vorgetragenes Lied. Als "Ehrengast" war ich natürlich angehalten ebenfalls etwas beizutragen und ließ mich schließlich doch noch zu einer Karaoke-Einlage breitschlagen.    Ansonsten wurden die freien Schichten tagsüber mit Volleyball und Badminton spielen im Freien verbracht. An einem Vormittag durfte ich mit den lokalen Schiedsrichter einen kleinen Workshop abhalten, bei dem wir uns speziell auf das internationale, englische Schiedsrichtervokabular und den Umgang mit europäischen Spielern auf dem Feld fokussierten.

Arena und Turnier
Das Turnier selbst fand im Olympic Sports Center statt, etwa 20 Minuten vom Hotel weg am Stadtrand. Die Halle fasste bestimmt an die 10,000 Sitzplätze, ob derer gähnenden Leere einem fast die Tränen kamen. Während andere Sportarten in China bereits wieder langsam Zuschauer zulassen, ging man bei der CBA mit noch mit äußerster Vorsicht um und ließ die Spiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit über die Bühne gehen.   In jedem anderen (normalen) Jahr wären die Ränge wohl zum Bersten voll und man hätte die eigene Stimme trotz Mikrofons nicht mehr gehört - wahrscheinlich hätte mit Zuschauern auch niemand je bemerkt, dass der blonde "Laowai" am Schiedsrichterstuhl auf chinesisch schiedst. So blieb ich leider nicht von einem Interview mit dem staatlichen Sportsender CCTV5 und kurzem TikTok-Fame verschont.   Das Turnier startete mit einem einwöchigen Teambewerb der Provinzmannschaften in einem Thomas-Uber-Cup-Format, das ich wie erwähnt bis auf den Finaltag ausgelassen hatte. Dem Teambewerb folgte der Individualbewerb. Der Individualbewerb fing am Sonntag an und wurde aufgrund der Größe des Rasters über sieben Tage ausgespielt. Bis auf das Damendoppel, in dem ein 64er-Raster gespielt wurde, wurden alle Bewerbe in einem 128er-K.O.-Raster gespielt, wobei die Topgesetzten im 64er-Feld loslegten.   Gespielt wurden die Hauptbewerbe auf neun Feldern, die alle live gestreamt wurden. Vom Centercourt wurde täglich auch live auf dem staatlichen Sportsender CCTV5+ übertragen. In der Ausstattung und Präsentation waren Arena und Felder vergleichbar mit einem Sudirman Cup oder Weltmeisterschaften.   Aufgrund der wenigen Turniermöglichkeiten und der Qualifikation für die National Games waren speziell der Teambewerb mit den meisten Nationalspielern topbesetzt, die ihre Heimatprovinzen vertraten. Im Individualbewerb stieg die ein oder andere Toppaarung etwas früher aus.

Einsätze
Für mich war dies das erste Turnier seit 15 Jahren (und das erste Großevent überhaupt), dass ich in chinesischer Sprache geschiedst habe. Dies war natürlich gerade am Beginn eine große Herausforderung und erforderte gute Vorbereitung des Vokabulars im Vorfeld. Zudem war das Scoringsystem, das die Schiedsrichter am Stuhl verwendeten ebenfalls komplett in Chinesisch und nicht ganz so intuitiv wie die international übliche Standardsoftware.   Entsprechend hatte ich mir den Finaltag des Teambewerbs eigentlich dazu zurechtgelegt, mich mit System und Prozessen vertraut zu machen. Meinen "Selbststudien" mit dem System am Spielfeldrand wurden dann aber bereits nach den Spielen um Platz 3 ein jähes Ende gesetzt. Man meinte, wenn ich schon mal da wäre, sollte ich doch auch gleich aufs Feld und gab mir das 3. Spiel (Einzel) des Damenfinales zwischen Hubei und Fujian und das 1. Spiel (Einzel) des Herrenfinales zwischen Zhejiang und Fujian.   Und so kam es, dass mein erstes Spiel nach 14 Monaten Pause ein Finalspiel der chinesischen Meisterschaften - in Chinesisch - mit Liveübertragung im Fernsehen wurde. Ein besserer Test unter Hochdruckbedingungen ist selbst mit viel Phantasie kaum mehr auszudenken oder zu toppen.   Laut den Verantwortlichen bei der CBA war dies auch das erste Mal überhaupt, dass ein nicht-chinesischer Schiedsrichter bei einem nationalen Turnier dieser Größenordnung im Einsatz war. Das letzte Mal, an das man sich erinnern konnte war 2007 vor den olympischen Spielen, als man einige nominierte Schiedsrichter nach China eingeladen hatte - allerdings nur selektiv für einige wenige Spiele um den Spielern die Möglichkeit zu geben unter englischsprachigen Bedingungen zu "trainieren".   Über den Verlauf der 8 Tage war ich bei insgesamt 27 Spielen im Einsatz - bei 15 als Schiedsrichter und bei 12 als Aufschlagrichter. Nennenswerte Einsätze waren das Damendoppelfinale zwischen Jia Yifan/Chen Qingchen (Hunan/Guangdong) und Huang Dongping/Tan Ning (Fujian), das Mixeddoppelhalbfinale zwischen Ren Xiangyu/Feng Xueyin (Guangdong) und Feng Yanzhe/Yu Xiaohan (Beijing) sowie das Herrendoppelviertelfinale zwischen dem chinesischen Topduo Li Junhui/Liu Yuchen (Liaoning/Beijing) und Pei Tianyi/Gao Xiangcheng (Sichuan).

Fazit
Dass dieses Turnier ein unvergleichliches, einzigartiges Erlebnis für mich war ist eigentlich fast schon überflüssig zu erwähnen. Es bleibt die Hoffnung, damit auch die Weichen gestellt zu haben für zukünftige Einsätze bei nationalen Events in China. Die Resonanz war jedenfalls durchwegs positiv.   Die Veranstaltung selbst war - wie man aus Asien und speziell aus China gewohnt ist - wie immer hervorragend organisiert und auf selbem Niveau, wie man es auch von großen Open oder Weltmeisterschaften in China kennen und schätzen gelernt hat. Die Art mit der sich die jeweils veranstaltenden lokalen Gastgeber um die Belange der Teilnehmer und Offiziellen kümmern sucht immer wieder seines gleichen.